Druckkammerseminar
In größeren Wassertiefen herrscht ein hoher Druck, der vom Sporttaucher nicht unberücksichtigt bleiben darf. Bezogen auf die Meereshöhe besteht ja bekanntlich bereits ein Luftdruck von ca. 1 bar. Der Druck steigt pro 10 Meter Tauchtiefe um 1 bar. Bei einer Wassertiefe von 30 Metern besteht ein Überdruck von 4 bar auf den Körper, das ist mehr als der Luftdruck in einem Lkw-Reifen. Befindet sich ein Taucher in großer Tiefe, muss er beim Auftauchen entsprechende Dekompressionszeiten einhalten, um Tauchunfälle zu vermeiden. Um die Dekompression besser verstehen zu können, werden nachfolgend erst einmal die physikalischen Gesetzmäßigkeiten erläutert.
Wenn ein Taucher zu schnell auftaucht, bilden sich durch den Druckabfall im Gewebe, den Knochen, Gelenken und Blutbahnen Stickstoffbläschen (ähnlich dem Effekt beim Öffnen einer Mineralwasserflasche), die den Sauerstofftransport zu den Körperzellen versperren. Hierbei handelt es sich um die sog. Caisson-Krankheit. Sie ist extrem schmerzhaft und lebensbedrohlich. Um die gebildeten Gasblasen wieder auf kleines Volumen zu pressen, benötigt man eine Dekompressionskammer.
Im Januar letzten Jahres war ich wieder mit einer Gruppe zum Druckkammer-Seminar in Überlingen am Bodensee. Voraussetzung dafür war eine ärztliche Tauchtauglichkeitsuntersuchung und Vorlage des Logbuches (das jeder Taucher als Nachweis führt). Die Druckkammer erinnert an einen am Boden liegenden Boiler auf Kufen. Bei einem Vortrag, der die Notwendigkeit dieses Behälters erklärt (Tauchunfall, Folge- und verschiedene Krankheitstherapien, z. B. Rauchgasvergiftung, Wundbrand u.v.m.) lernten wir auch, dass Kugelschreiber, Feuerzeuge, nicht druckfeste Uhren, Kameras und Schuhe mit Kunststoffsohlen nicht mit in die Kammer genommen werden dürfen, statt dessen aber unsere Tiefenmesser und Tauchcomputer (zur Überprüfung der genauen Anzeige). Nachdem alle 7 Taucher in der Druckkammer Platz genommen hatten und die Schleusentüren geschlossen waren, wurde der Presslufttank langsam bis auf 1,2 bar (entspricht einer Tauchtiefe von 12 Metern) beaufschlagt. Eine Besucherin stellte daraufhin starke Zahnschmerzen fest (hervorgerufen durch das Eindringen von Luft zwischen einem Zahn und dessen Plombe) und wurde durch die Schleuse wieder aus unserem „Überdruckgefängnis“ entlassen. Bis 1,5 bar wurden uns alle drei Meter „Wassertiefe“ die Werte per Sprechfunkverbindung zum Überprüfen der Tauchcomputer durchgegeben, später dann alle 10 Meter. Allerdings waren wir mehr mit dem Druckausgleich in den Tuben durch Zuhalten unserer Nasen und Gegenpressen der Luft als mit dem Ablesen der von uns mitgebrachten elektronischen Tiefenmesser beschäftigt. Ab 1,5 bar strömte die uns auf Druck bringende Luft wesentlich schneller ein. Wir wurden von dem bedienenden Personal (im Normalfall eine Person, bei Verunfallten ist zusätzlich ein Arzt in und ein Arzt außerhalb der Kammer) von draussen bis 3 bar mit Fragen beschäftigt, um uns Kurzweil zu bescheren. Der weiter ansteigende Druck ließ die Konversation von „draußen“ abklingen. Die Stimmung stieg, oder besser gesagt die Gaudi wurde immer größer. Die Angst vor der Eingeengtheit in dem ca. 7 m langen Zylinder mit 1,4 m Durchmesser nahm ab. Der Tiefenrausch überfiel uns. Nach 8 Minuten herrschten in dem Behälter 5,7 bar Überdruck. Die Luft war nahezu 6-mal so dick. Unsere Stimmen klangen wie „Theo Lingen mit Polypen und weiblicher Stimme“. Ein mitgenommenes Neoprenstück (Material, aus dem Tauchanzüge gefertigt werden) verringerte sich von 7 mm auf ca. 1 mm Stärke. Ein ebenfalls in der Druckkammer befindlicher Spielball änderte sein Volumen derart, dass er einer ausgedrückten Orange ähnelte. Wir wurden vom Personal aufgefordert, ein Lied zu pfeifen, was uns bei der 6-mal dickeren Luft nicht gelang. Bedingt durch den Druck stieg die Temperatur von 20°C auf tropische 34°C und einige begannen sich ihres Pullovers zu entledigen. Nach einem Aufenthalt von 10 Minuten auf dieser „Meerestiefe“ wurde dann langsam der Druck unter Einhaltung der Deko-Stufen (Verweilen in vorgeschriebener Tiefe und Zeit, die aus speziellen Tabellen entnommen werden) verringert. Die Werte eines Tauchganges diesen Profiles (57 Meter und 18 Minuten Abtauchen mit eingerechnet) sind 3 Min. auf 12 m, 4 Min. auf 9 m, 5 Min. auf 6 m und 15 Min. auf 3 m. Der „Tauchgang“ dauerte bis zur Entlassung aus unserem stählernen Aufenthaltsraum - mit zusätzlich 5 Min. zur Sicherheit - insgesamt 50 Minuten. Bis zur vollständigen Entsättigung des Blutes vom Stickstoff (hier waren es ca. 28 Stunden) wurde uns empfohlen, keinen weiteren Tauchgang im nahegelegenen Bodensee durchzuführen, da das nächste Tauchprofil mit wesentlich höheren Deko-Stufen ausfallen würde.
Dieses Seminar zeigt schnell die Grenzen des Tauchens auf, und man wird sich seiner Verantwortung für den eigenen Körper und den seiner Sportkameraden bewusst.