Ein "Tauch-Großvater" berichtet
Tauchgang Nr. 2 Datum: 01. August 1971
Ort: Walchensee/Pionierplatte
Uhrzeit: 10:00 Uhr
Tauchzeit: 20 Minuten
Max. Tauchtiefe: 20 Meter
Tauchgangbeschreibung: Steile Halde, Wassertemperatur: sehr kalt
ab 15m Dämmerung, in 20 m Gewehrmunition aus dem
2. Weltkrieg; Leider wurde es sehr schnell frostig und schon nach 12 Minuten musste ich die Reserve ziehen.
So liest sich mein 2. Tauchgang in meinem ersten Logbuch.
Meine Erinnerung lässt aber doch noch eine detailliertere Schilderung zu.
Mein Partner und ich sind an diesem 01.08.1971 zum Walchensee gefahren, damit ich meinen 2. Tauchgang durchführen konnte. (Mein erster Freiwassertauchgang fand am 06. Juni 1971 im Badersee statt.). Bei Sonnenschein kamen wir in Urfeld an. Unsere Ausrüstung - je ein 10-Liter-Gerät mit einem Abgang und einer Rückentragschale und je ein Seesack in dem Anzug, Lungenautomat, Bleigürtel, Messer und ABC-Ausrüstung verstaut war – war schnell ausgeladen. Jeder schnallte sich sein Gerät auf den Rücken und legte sich den Seesack quer über das Gerät und hielt ihn mit beiden Händen fest. So als „Packesel“ verkleidet traten wir unseren Fußmarsch an. Unser Weg führte uns über den Kraftwerkseinfluss die Straße entlang die 1860 (so ungefähr) von den bayerischen Eisenbahnpionieren gebaut wurde. Nach ca. einem Kilometer erreichten wir die Stelle, an der auf der linken Seite an einer Feldswand eine Gedenktafel für diese Pioniere angebracht war und heute noch ist. Auf Höhe dieser Gedenktafel kletterten wir das steile Ufer zur Wasseroberfläche hinab. Einigermaßen nervös schraubte ich meinen Lungenautomaten an das Gerät, legte die ABC-Ausrüstung, den Tiefenmesser, meine billige Taucheruhr, das Messer und den Bleigürtel, der mit vier kg Blei bestückt war, bereit. Ein Blick auf die Tauchtabelle (US-Navy) zeigte uns, dass wir bei 20 m Wassertiefe eine Null-Zeit von 50 Minuten hatten. Tauchcomputer gab es noch nicht und die mechanischen Decometer waren mir damals zu teuer und außerdem wegen ihrer Ungenauigkeiten sehr umstritten. So berechneten wir eben unsere Tauchgänge wie wir es gelernt hatten.
Unsere Anzüge, bestehend aus einer Jacke, separater Kopfhaube, Hose bis zur Hüfte, Füßlinge ohne Laufsohle und 3-Finger-Hanschuhe (alles aus 4 mm Haihaut-Neopren einfarbig schwarz) waren schnell angezogen. Tiefenmesser und Uhr vervollständigten unsere Ausrüstung.
„Halt!!“ wird jetzt der Einwurf kommen, ihr habt das Jacket vergessen! Fehlanzeige!!!! Jackets gab es 1971 noch nicht. Auch der legendäre „Klo-Deckel“ kam (glaube ich) erst 1-2 Jahre später auf den Markt. Ich kaufte mir meine erste „Rettungsweste“, wie die „Klodeckel“ damals genannt wurden im Juni 1975.
Nach dem Anzug schlupften wir in die Bebänderung des Geräts. Zuletzt legten wir den Bleigürtel um. ABC-Ausrüstung in den Händen haltend gingen wir die wenigen Meter zum Wasser. Wie ich es gelernt hatte, tauchte ich über Kopf ab und raffte einige größere Steine an der steilen Halde zusammen, die ich mit einer Hand an den Körper drückte um mehr Ballast zu haben; denn die vier kg Blei waren knapp unter der Wasseroberfläche zu wenig. Mit der anderen Hand stellte ich den Druckausgleich her. Je tiefer wir kamen, desto mehr Steine legte ich an der Halde wieder ab um nicht zuviel Abtrieb zu erhalten. Ab 10 – 15 m Wassertiefe wurde es langsam dunkel und die mollige Wärme im Taucheranzug verlor sich zunehmend. Immer kälter wurde es. Die Atemfrequenz die bei Beginn des Tauchgangs schon nicht allzu niedrig war, erhöhte sich durch die kalte Dunkelheit schnell. In 20 Meter Wassertiefe fanden wir dann einige Gewehrpatronen aus dem 2. Weltkrieg – zusammengebackt durch Sedimente unter Einwirkung des Wasserdruckes. Der Einatemwiderstand immer größer – es wurde Zeit umzukehren. Langsam tauchten wir auf in Richtung Wasseroberfläche. Es dauerte nicht mehr lange, da war das Einatmen so mühsam, dass ich die „Reserve“ zog. Wie eine Erlösung wirkte der erste Atemzug ohne Widerstand. Mittlerweile war es mir saukalt. Der Auftrieb wurde schnell größer und so suchte ich wieder Steine – diesmal um den Auftrieb zu vermindern. Noch ein kurzer Sicherheitsstopp in 3 m und praktisch mit dem vorletzten Atemzug aus der Flasche erreichte ich mit meinem Partner wieder die Wasseroberfläche.
Am Ufer in der warmen Sommersonne erwärmten wir uns in unseren schwarzen Neoprenanzügen wieder schnell. Bis wir wieder unser Auto erreichten waren wir schweißnass und hatten die kalten Tiefen des Walchensees schnell vergessen.
Dieser Tauchgang mit einer eher primitiven Tauchausrüstung ohne spektakulärer Erlebnisse ist mir immer noch in guter Erinnerung.
Das schöne in diesen Jahren aber war, dass noch keine Windsurfersegel die Wasseroberfläche bedeckten und man beim Auftauchen nicht Angst haben musste von der Finne eines Surfbrettes einen Scheitel gezogen zu bekommen. Auch die Invasion der Taucher hatte noch nicht stattgefunden. Wir waren vielmehr „Einzelkämpfer“ die von Wanderern und Spaziergänger mit Fragen bombardiert und angestarrt wurden als wären wir Wesen von einem anderen Stern.
Der Verfasser dieses Artikels taucht immer noch mit großem Spaß und hat es inzwischen auf 798 Tauchgänge gebracht. Für die lange Zeit vielleicht nicht all zu viel. Letztes Jahr hat auch sein damals 17jähriger Sohn den Tauchschein erworben.